Umfrage zur Grippe-Impfung
Deutschschweizer Spitäler schneiden schlecht ab


In den Schweizer Spitälern lassen sich im Schnitt 22 Prozent des Pflegepersonals und 51 Prozent der Ärzte impfen. Das zeigt eine Umfrage der SonntagsZeitung und von Le Matin Dimanche. Befragt wurden alle rund 300 Spitäler, die beim Spitalverband H+ Mitglied sind. Die hohe Rücklaufquote bietet valide Daten: So umfassen die Resultate der Umfrage gut zwei Drittel aller Schweizer Spitalangestellten – das sind fast 90'000 Personen.

Heute sammeln weder das Bundesamt für Gesundheit (BAG) noch der Spitalverband H+ systematisch Daten zu den Impfquoten. In den USA oder in Frankreich gehören solche Zahlen längst zu den relevanten Qualitätsindikatoren der Spitäler, die auch für die Patienten greifbar sind. Mit der vorliegenden Karte macht die SonntagsZeitung nun erstmals die Quoten für die Schweiz zugänglich. Die Karte zeigt auch, welche Spitäler keine Zahlen erfassen oder sich nicht an der Umfrage beteiligt haben.

Ebenfalls erhoben wurde, ob die Spitäler für die ungeimpften Angestellten eine Pflicht kennen, während der Grippesaison eine Maske zu tragen. Markant dabei: Während mittlerweile drei Viertel aller Westschweizer Spitäler eine solche Pflicht kennen, gibt es in der Deutschschweiz kein einziges Spital mit einer generellen Maskentragpflicht auf allen Abteilungen. In der Deutschschweiz geben 8 von 72 Spitaldirektionen an, die Pflicht, während der Grippesaison eine Maske zu tragen, bestehe einzig für Risikoabteilungen wie die Neonatologie oder die Onkologie.



Frappant sind die Unterschiede auch bei den detaillierten Quoten: Während sich in den Deutschschweizer Kantonen nur gerade 16 Prozent aller Pflegefachfrauen und –männer impfen lässt, sind es in der Westschweiz 32 Prozent. Bei den Ärzten indessen sind die Quoten vergleichbar: 53 Prozent in der Westschweiz, 51 Prozent in der Deutschschweiz.

Spitzenwerte erreicht das Spital Lavaux in der Waadt. In dieser Saison haben sich 78 Prozent der Ärzte und 66 Prozent des Pflegepersonals impfen lassen. In der Deutschschweiz hat die Spital Thurgau AG die besten Zahlen: 64 Prozent der Ärzte und 40 Prozent des Pflegepersonals sind geimpft.

Die schlechtesten Quoten finden sich generell in der Zentral- und Ostschweiz. Hier betragen die Impfquoten teilweise weniger als 10 Prozent.


100 bis 300 Tote im Jahr

In der Schulmedizin herrscht heute ein breiter Konsens, dass es für die Spitäler wichtig wäre, eine möglichst hohe Grippe-Impfquote ihres Personals zu erreichen – denn so lassen sich Todesfälle in den Spitälern verhindern. Andreas Widmer, Präsident der Infektiologenvereinigung Swissnoso, geht davon aus, dass im Jahr 100 bis 300 Patienten an der Spital-Grippe sterben. Seine Schätzung basiert auf detaillierten Auswertung des Unispitals Genf (vgl. dazu die Ausgabe der SonntagsZeitung vom 4. Januar). Betroffen sind in der Regel alte und schwache Patienten. Die Grippe kann aber selbst bei gesunden Erwachsenen Komplikationen hervorrufen.

Seit Jahren versucht das Bundesamt für Gesundheit (BAG), die Impfquoten des Spitalpersonals mit diversen Kampagnen zu heben. 2008 hatte das BAG eine Quote von 70 Prozent ausgerufen. Davon ist die Schweiz heute weit entfernt.



Infografik und Datenanalyse: Alexandre Haederli
Texte: Dominik Balmer, Titus Plattner et Alexandre Haederli
Kontakt: recherchedesk(at)sonntagszeitung.ch
Quellen: die Umfrage wurde von der SonntagsZeitung/von Le Matin Dimanche zwischen dem 7. und dem 10. Januar 2015 durchgeführt, die Angaben zu den Impfquoten und zur Maskenpflicht basieren auf Meldungen der Krankenhäusern, Kennzahlen der Schweizer Spitäler, BAG 2012 (Personalbestand)
Bild: SPL/Keystone
Version en français: www.grippe-noso.ch

   



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